Die DDR, das Ganze und wir

Die tageszeitung hatte jüngst noch etwas ungenutzten Raum und frug mich, ob ich etwas für sie schreiben würde zu der Frage, warum die DDR, die doch uns einerseits so abstößt mit Mauer und Stasi etc., gleichzeitig so große Kunst hervorgebracht habe. Das tat ich, und die taz druckte meinen Text.

Etliche Leser meldeten sich, in Kommentaren auf der Webseite, in Leserbriefen und in e-mails. Ich werde das natürlich nicht auf Dauer durchhalten können, aber es scheint mir angebracht, einmal sowohl meine eigene Kritik an meiner Arbeit als auch die Kritik der Leser ausführlicher zu darzustellen.

(1) Der Haupttext wurde von der taz korrekt wiedergegeben, die Überschrift wurde neu gesetzt (die hier verwendete war meine), die Zwischenüberschrift hat mit mir nichts zu tun (der Begriff „Desaster“ kann auf eine Grillparty angewandt werden, aber kaum auf einen Staat).

(2) „ihre arroganz, herr thiele kotzt mich an.“ – Nun ja. Arroganz ist die Servierplatte, auf der die Intelligenz sich der Dummheit zum Fraße vorlegt. Es gibt aber, insoweit stimme ich zu, einen Ton der Arroganz, der aus der Klarheit kommt. Und aus der Kürze. Wessen Hauptforderung lautet „Komme zum Punkt!“, der wirkt leicht schneidend.

(3) „Danke, daß mir mal jemand erklärt, warum ich die DDR irgendwie doch besser finde als die BRD. Mein Ansatz ist auch eher ein grundsätzlicher, tiefer: die DDR scheint mir weniger, eindimensionaler und damit menschlicher verlogen als die BRD. Die Verlogenheit der BRD funktioniert auf höheren Abstraktionsebenen, die sie effektiver und summarisch überlebender machen, die aber dem Gefühl, dem System ausgeliefert zu sein, eine über- und damit unmenschliche Dimension geben.“ – Das sehe ich anders. Die BRD lügt nicht viel. Sie sagt, was sie ist. Die BRD ist ein aufgeklärter Staat. Natürlich haben Sie jetzt Gegenargumente, aber insgesamt: sehr wenig Lügen. Die DDR musste viel mehr lügen, aus Schwäche, aber auch aus Prinzip: weil sie eine Utopie hatte. Die Lücken zwischen Realität und Utopie, die mussten geschlossen werden, also musste gelogen werden. Denn die Hauptforderung der Aufklärung, zu sagen, was ist, ist nicht so sehr schwer zu erfüllen; die Techniken haben mittlerweile alle drauf; viel schwieriger ist, zu sagen, was sein könnte (wissen wollend, was tatsächlich sein wird). Und wenn Sie jemanden hier in der BRD fragen, was sein könnte, dann sagt der Ihnen: gehnse zum Arzt. Die Zukunft der BRD dauert genau vier Jahre, dann sind Wahlen. Ich erwidere Ihnen also: Was Sie an der DDR schätzen, das sind deren Lügen; vielleicht nicht in der konkreten Art, aber dass dieser Zwang zum Lügen da war, weil man die Zukunft verstehen und dadurch schaffen wollte, das zieht an. Die BRD ist so ehrlich, dass man daran verrückt wird. „Wir brauchen den Wohlstand.“ – „Wofür brauchen wir den Wohlstand?“ – „Das wissen wir nicht. Aber mit ist besser als ohne.“ – „Brauchen wir Wohlstand als Grundlage von Gerechtigkeit?“ – „Wir wissen nicht, was das ist, ‚Gerechtigkeit‘.“ – „Brauchen wir den Wohlstand vielleicht, um die Würde des Menschen zu wahren?“ – „Kann sein. Aber wir wissen nicht, was die Würde des Menschen ist. Wir wissen nur, dass kein Dritter verfügen soll, was wir mit uns anfangen, diese Freiheit, mit sich alles anzufangen, was man will, das ist die Würde.“ – Es ist diese Sorte Ehrlichkeit, die die Leute in die Drogen treibt.

(4) „Die DDR ist hier gut erkannt, aber eines ihrer Prinzipien zu Unrecht verteidigt. Das hohe Ideal einer Gesellschaft, in der die Individuen nicht konstitutiv asozial leben und denken, ist zu kostbar, als daß man die Frage übergehen dürfte, ob denn die Hände des Staates die rechten sind, Sinn in den Köpfen der Bürger zu pflanzen. Daß der Staat ein „Machtinstrument der herrschenden Klasse“ sei, lernte man in der DDR in der Schule. Die einfache Folgerung, daß man einem Machtinstrument keine Position in der kollektiven Meinungs- und Gesinnungsbildung überlassen dürfe (wer hätte die Macht, diesen Akteur zu kontrollieren, zu bändigen?), fehlte dann schon, weil die Ideologie behauptete, daß wir alle rechtens eines Sinnes sein müßten, eben des vom Staat beanspruchten.“ – Der Staat hat keine Hände. Der Staat ist eine Illusion, wenn Sie es feiner mögen: ein Ideal. Der Staat ist, wir wollen einmal modern reden, eine eingebildete Problemlösungsmaschine, mit deren Hilfe wir Probleme lösen, weil wir uns einbilden, sie täte es für uns. Es kann keinen Zweifel geben, dass der Staat nur in unseren Köpfen existiert. Nur, wer sagt denn, dass wir keine Illusionen brauchen. Die Frage ist nicht, ob wir Illusionen haben, sondern welche wir haben; so viele, das ist mal eine leicht überprüfbare Behauptung, gibt es nämlich gar nicht. Es gibt etwa 6,8 Milliarden Menschen, aber die haben über Leben und Welt nicht 6,8 Milliarden verschiedene Illusionen, sondern bestenfalls 16, von denen 12 um das Jahr 1968 herum erfunden wurden und von diesen wieder kriegt man 6 nur auf Droge hin oder wenn man sehr besoffen ist. Diese Schizophrenie wird uns also aufgezwungen: Dass wir sehr genau wissen, dass keine Rechnung so richtig aufgeht, dass man aber deswegen nicht aufgeben darf, zu rechnen. Früher konnte man Leute mit einem Buch wie „Die Zukunft einer Illusion“ begeistern; ich würde gern eines schreiben, das „Die Zukunft einer Desillusion“ heißt, es würde aber sehr kurz. – Sie fragen nach der Begrenzung der staatlichen Macht. Eine tolle Sache!, solange es sich machen lässt. Was man sich leisten kann, das soll man sich ruhig leisten. Ich bin glücklich und froh, dass ich in dieser herrlich ruhigen Zeit leben darf, wo meine Sorgen so ziemlich die einzigen Sorgen sind, die ich mir machen muss. Vielleicht geht es 500 Jahre weiter so, toll, ich bin dabei. Wenn aber nicht, dann hätte ich gern irgendeine Sorte Konzept parat, was tun. – Sie scheinen zu denken, jeder, der den Staat nicht automatisch negativ besetzt, will einen großen; ich will keinen großen, ich will einen guten. Mir wäre es schon genug, wenn der Staat anfinge, ein bisschen mehr Staat zu sein. 90 % von dem, was wir heute als Staat haben, brauchen wir nicht; die verbleibenden 10 % müssen geschärft, präzisiert und konsequent angewandt werden. Ich teile weder die Spinnereien der Staatsfeinde noch die der Wohlfahrtsstaatleute.

(5) „Wann käme ein Deutscher auf die Idee, die „Vitalität des Volkes“ gegen den Mechanismus des Staates zu setzen ohne ein Autonomer zu sein?“ – Mir fiele da der Ernst Röhm ein.

(6) „‚Wenn wir uns nicht selbst befreien, bleibt es für uns ohne Folgen.‘ (Volker Braun)“ – Hätte der Volker Braun den Fehler begangen, diesen Spruch mal einem Sowjetsoldaten des April 1945 vorzutragen, die Folgen wären absehbar gewesen.

(7) „Dass Sie der Glorifizierung von Zwang Raum geben, ist für mich mit der taz nicht vereinbar. André Thiele schreibt: „Sie (die DDR) schuf einen Zwang zur Bewusstheit, und dieser doppelte Zwang zum Sinn ist die schwere Luft, in der manches Jahrhundertgenie frei atmet.“ Wenige Absätze zuvor wurde dieser Zwang noch kritisch kommentiert: „Bei den 99 Prozent ganz besonderem Mist kam noch diese zwanghafte Art, politische Bekenntnisse abzulegen.“ Von solchen Ungereimtheiten strotzt dieser Beitrag (so viel Ewigkeitsahnung trägt doch jeder in sich; die Gegenüberstellung von Christa Wolf, Günter Gaus [sic] mit Peter Hacks/Heiner Müller/Alfred Matusche; die Verbrechen Picassos und van Goghs), die zu begründen wären, doch so dargeboten wirken sie nur krude.“ – Der Text ist ein (Kurz-)Essay. Essays und Satire haben gemeinsam, dass sie behaupten, deswegen gehören sie in die Kunst, nicht zum Sachbereich. Sie leiten die Behauptung nicht her, sie „beweisen“ sie, indem sie sie anwenden. Für Essay und Satire gilt: Recht hat, wer es sagen kann.

(8 ) „André Thiele spricht in seinem Essay etwas Bedenkenswertes an, leider machen aber seine Apodiktik und sein elitäres Geschwurbel den Artikel ziemlich ungenießbar. Also: „So viel Ewigkeitsahnung trägt jeder in sich“, dass er Christa Wolf und Günter Grass für belanglos hält, aber Peter Hacks, Heiner Müller, Alfred Matusche, Jochen Berg und Herrn Tübke als Künstler hoch schätzt. Allein dieses insidermäßige Namedropping, mit weiter nichts als mit „Ewigkeitsahnung“ begründet, ist ziemlich unerträglich. Nebenbei werden dann noch Picasso und van Gogh als Verbrecher denunziert, und spätestens hier dürfte sich der Leser, der nicht über die spezielle Thielesche „Ewigkeitsahnung“ verfügt, mit leichtem Grausen abwenden.“ – Der Begriff „Ewigkeitsahnung“ ist ein präziser. Wir sind nur alle solcher Begriffe reichlich entwöhnt. Ewigkeit: In menschlichen Begriffen sind das präzise alle Zeiträume über hundert Jahre. Wir wissen alle, wir können alle jederzeit überprüfen, dass es zwei Sorten Kunst gibt: solche, die nach hundert Jahre nur noch Fachleuten, und denen kaum noch, bekannt ist, und solche, die nach hundert Jahren noch so frisch und zeitgemäß ist wie am ersten Tag. Hat sie die ersten hundert Jahre geschafft, schafft sie zumeist die kommenden tausend Jahre locker. Ich liebe Tageskunst. Aber ich bin nicht dumm genug, sie mit Kunst zu verwechseln, die die Zeiten überdauert. Manche Ewigkeitskunst wird schon erkannt, wenn sie geschaffen wird (das ist sogar meistens so), manche erst viel später. Manche Tageskunst ist ungeheuer bedeutsam, ungeheuer beliebt, ungeheuer überall, und 14 Tage später schon wieder weg. Ganz im Ernst, wer kapiert denn heute noch, was Beuys wollte?, außer Leuten, die dafür bezahlt werden. Ich meine, in Hacks (und Müller und Matusche) das Potential erkannt zu haben, in 100 Jahren und mehr noch allgemein und ohne Bezahlung gelesen und verstanden zu werden. Nun kann ich nicht sagen: ich weiß, denn ich weiß es nicht. Ich mag nicht sagen, ich glaube. Also sage ich, dass ich ahne, dass diese Kunst bleiben wird. Ewigkeitsahnung.

(9) „Dabei ist die Grundthese des Textes durchaus bedenkenswert, nämlich die Vermutung, dass die Beschäftigung mit der „Sinnfrage“ eine eigentümliche Faszination ausübt, die auch dann erhalten bleibt, wenn viele der präsentierten Antworten sich als irrig oder unakzeptabel erweisen. Mag sein, dass es ein Verdienst des DDR-Systems gewesen ist, die Sensibilität für die „Sinnfrage“ wachgehalten zu haben. Aber es ist trotzdem reichlich kurzschlüssig, Massaker in westlichen Schulen durch „an der virtuellen Solipsismusmaschine gedrillte“ Kinder gegen dieses „Verdienst“ der DDR aufrechnen zu wollen. Der Satz „In der DDR“ (oder: „Unter Adolf“) „hätte es so was nicht gegeben!“ ist auch dann ein dummes „Argument“, wenn er gekonnt verpackt daherkommt.“ – Es war kein Verdienst der DDR, sie hatte keine Wahl, als die Sinnfrage zu beantworten. Sie war die Antwort auf diese Frage. Sie kam nicht drumherum. Ich rechne es ihr darum gar nicht so hoch an.

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