Lob der Einseitigkeit

Zum 100. Geburtstag des Dramatikers Alfred Matusche am 8. Oktober 2009.

Als der Dichter Alfred Matusche herausfand, dass er so gar nicht in seine Zeit passte, da trat er ohne zu zögern aus ihr aus. Das hat sie ihm, fristlos gekündigt wie sie war, bis heute nicht vergeben.

Matusche ist kein Anti-Moderner, er strengt sich nicht an, etwas Erledigtes zu erledigen. Seine Dramen sind ohne jedes Argument, fast organisch, einfach nicht modern. Zwei Dinge vor allem machen ihn aus: Er dichtete, als habe es Bertolt Brecht nie gegeben, und er dichtete, als sei es die erste Pflicht des Künstlers, die Kunst zu machen und nicht die Politik.

Nicht, dass Alfred Matusche keine Politik hatte, denn er war Kommunist. Marxens Macke aber, die moralische Frage durch die soziale Frage für gelöst zu halten, teilte dieser Kommunist nicht. Mit Interesse begleitete Alfred Matusche die Bemühungen seines Staates, der DDR, den Massen ausreichend Quartiere in Hochhäusern zur Verfügung zu stellen, er bezog selbst ein solches Quartier, verschloss die Tür und ließ niemanden herein, warf nur hin und wieder ein Drama hinaus, das z.B. davon handelte, wie auch in einem solchen Hochhaus die Menschen wieder genau die Sorgen haben, die sie als Menschen nun einmal haben müssen. „Kommunismus ist eine schöne Sache“, sagte Alfred Matusche 1973, seinem Sterbejahr. „Aber wenn man vergessen hat, zu beten, soll man Kommunismus nicht als Ziel ansteuern.“

Dieser Dostojewski der Schaubühne nahm immer und ausschließlich den Menschen in den Blick: den Menschen im Staat, in der Gesellschaft, in der Beziehung, vor und bei sich. Er trennte dabei fein säuberlich: Dass Staat und Gesellschaft bestimmte Dinge für die Menschen erreichen, ist nicht ohne Bedeutung für das Individuum, aber sie beantworten dadurch nicht die Fragen, die nur den Menschen selbst betreffen. Seit Schiller hat wohl kein Theaterdichter mehr so den freien Willen in den Mittelpunkt des Menschseins gestellt und aber auch seine Konsequenzen. Matusche war in diesem Punkt nicht zur Vermittlung bereit, er war radikal, nicht im dumpf-selbstgefälligen Sinne, sondern im Sinne dessen, der es Ernst nimmt und der diesen Ernst gestalten kann.

Matusche spricht von der Behendigkeit, mit der wir Ausreden erfinden, wenn wir in unseren Träumen gestört werden. Er misst den Staat nicht an den Häusern, die er baut, sondern daran, wie sehr er als Staat den Menschen ermöglicht, Menschen zu sein, und er misst die Menschen in diesem Staat nicht am Bekenntnis, mit dem sie sich zu ihrem Staat bekennen oder nicht bekennen, sondern an der Moral, die sie vertreten. Und das alles tut Alfred Matusche, man soll es nicht verschweigen, in unterhaltsamer Manier.

Es ist der eine große Trick der Moderne, die Moral, also die Unterscheidung von Richtig und Falsch anhand statischer, metaphysischer Kriterien, für erledigt zu erklären. Matusche, wie gesagt, argumentiert nicht gegen diesen Trick; er zeigt einfach, dass er nicht geht.

Dem Zug der Zeit ins Nützliche hat sich Matusche durchaus nicht verschlossen. Er war kein Rückschrittler. Er hatte nichts dagegen, dass alle Verhältnisse geordnet, alle Hochhäuser gebaut, alle Straßen geteert, alle Nischen ausgeleuchtet, alle Menschen motorisiert, alle Krankheiten geheilt und alle Kontinente egalisiert werden. Er war nur unfähig, einzusehen, dass aus der Nützlichkeit einer Sache auch deren Würde, Schönheit, kurz: das Gute an ihr folgen soll. Und er war nicht gewillt, abzuwarten, bis dereinst einmal all die Leute, die unermüdlich für praktische Fragen zu begeistern sind, auch auf den Trichter kommen.

Matusches Humor ist tief und wirksam. Man lese in „Welche, von den Frauen?“, entstanden 1951, wie er en passant und auch gegen den Inhalt des Stücks „Ulrich“, „Lotte“ und „Wehner“ in eine ménage à trois schickt; welcher Zeitgenosse hätte das Spiel mit den Namen der Politiker nicht verstanden? Aber Matusches Humor hat immer einen gemeinen Dreh: So lacht man beim Lesen von „Van Gogh“ herzlich über des Protagonisten Unbeholfenheit und Weltfremdheit, seine schrecklichen Klecksbilder und seine Tappsigkeit noch beim Selbstmord, aber man lacht nur bis zu dem Moment wo man erspürt, dass dieses Lachen das Lachen ist, das tout St. Peterburg angesichts des Tuns des Fürsten Myschkin lachte. Es ist der Ausgang aus diesem selbstverschuldeten Lachen der Unmündigkeit, den Matusche uns zu nehmen vorschlägt.

Matusche war kein roter Gammler. Er forderte von seinem sozialistischen Staat nicht, er dürfe nicht gegen die Gebote der Moral verstoßen. Das wäre für jeden Staat in jeder Zeit eine lächerliche Forderung. Matusche forderte bloß, dass die Sozialisten, wenn sie gegen die Moral verstoßen, wissen sollen, dass sie es tun. Sein Staat übrigens hat ihn weitgehend in Ruhe gelassen; was sollte er auch sonst machen? Ihn einsperren? Matusche kam ja ohnehin kaum einmal aus seiner selbstgewählten Hochhauszelle heraus. Matusche im Nachhinein aber zum Verfolgten des Totalitarismus zu erklären und ihn in die Galerie derer einzureihen, die „Zu Hause im Exil“ gewesen seien, ist ein bisschen kindisch. Künstler sein bedeutet, in der Fremde sein. Im Hierundjetzt leben nur die Praktischen und die Kindischen; die Kunst lebt in der Fremde, die die Zukunft ist.

Bei Kant treten Mensch und Vernunft so weit zusammen, dass sie nicht mehr unterscheidbar sind; bei Hegel sind es Staat und Vernunft. Gegen beide erweist sich Matusche als Mann des Maßes. Gegen Kants Menschen ohne Staat und gegen Hegels Staat ohne Menschen setze er beides, den Staat in seinem Recht und den Mensch in seinem, und empfahl beiden, es miteinander auszuhalten, der Vernunft zuliebe. Dem Staat maß er den Zwang zur Mitte zu, zur Vermittlung, dem Menschen aber forderte die Einseitigkeit des Kategorischen ab. Für den Widerspruch hierin war er nicht zuständig, er war zuständig, große Kunst zu machen, und die hat er wahrlich gemacht.

Erlösung? Für Matusche war Erlösung etwas, das vielleicht im Gebet zu erreichen war. Zehn solcher Gebete hat er als Dramen hinterlassen. Wir wollen sehen, ob sie erhört werden.

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2 Antworten to “Lob der Einseitigkeit”

  1. Ein Dichter und ein Zeitgenosse. Matusche-Tage II. » Neuestes vom Parnassos Says:

    […] Thiele: Lob der Einseitigkeit, Pförtnerhäuschen [Blog] 6. Oktober […]

  2. Ein Dichter und ein Zeitgenosse. Matusche-Tage II. « Klassikaggregat Says:

    […] Thiele: Lob der Einseitigkeit, Pförtnerhäuschen [Blog] 6. Oktober […]

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